Sensation : WhatsApp Archiv von Brahms gefunden

Hintergründe zur Entstehung des Deutschen Requiems aus dem Briefwechsel zwischen Johannes Brahms und Clara Schumann
(zusammengestellt von Reinhold Merkle)

 

Seit wir mit den Proben zum Brahms Requiem begonnen haben, hat sich der eine oder andere sicher überlegt, wie dieses großartige Werk entstanden ist und wie Brahms darüber mit anderen kommuniziert hat. Durch einen großen Zufall sind wir auf das WhatsApp Archiv von Brahms gestoßen. Vor allem der darin enthaltene Dialog zwischen Johannes Brahms und Clara Schumann enthält doch viele sehr interessante Details aus der Phase, als Brahms am Requiem arbeitete, bis hin zu den ersten Aufführungen. Aber lest selbst:

Brahms an Clara – April 1865
… Das Chorstück ist aus einer Art deutschem Requiem, mit dem ich derzeit liebäugelte, in flüchtigem Klavierauszug.
… Doch vielleicht hast Du eine freie Stunde, die Sachen durchzuklimpern, …

Brahms an Clara – Wien, Montag den 24. April 1865
Liebste Clara,
es ist alles ärgerlich, daß Du jetzt wirklich in England bist, daß der schönste Frühling gar nichts von Dir hat, daß ich Dir noch unnütze Plage mit Noten schaffe und was alles!

Wenn´s noch früh genug ist, so bitte, daß Du Joachim [österreichisch-ungarischer Violonist] nicht das Chorstück zeigst – überhaupt ist es bis jetzt das schwächste wohl in besagtem deutschem Requiem. Da dieses nun doch vielleicht bis Du nach Baden kommst, in Nichts verduften könnte, so lies hier noch die schönen Worte, womit es anfängt.
Ein Chor in F Dur ohne Geigen, aber mit Harfe und anderen Schönheiten begleitet:
„Selig sind, die da Leid tragen,
denn sie sollen getröstet werden.

Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.
Sie gehen hin und weinen
und tragen edlen Samen

und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben.“
Den Text habe ich aus der Bibel zusammengestellt.
Der übersandte Chor ist Nr. 4.
Der 2. geht aus C moll und im Marschtempo:
„Denn alles Fleisch ist wie Gras
und alle Herrlichkeit des Menschen
wie des Grases Blumen.
Das Gras ist verdorret
und die Blumen abgefallen.“ etc.
So ein deutscher Text kann Dir doch so gut gefallen wie der gewohnte lateinische?
Ich hoffe sehr, eine Art Ganzes zusammenzubringen, und wünsche Mut und Lust einmal zu behalten.

Recht herzlich Dein Johannes

Clara an Brahms – London, den 1. Mai 1865. Morgens
Dem Maikind soll der erste Gruß im Mai gehören! Heute, liebster Johannes, bist Du nun wohl auf der Reise nach Karlsruhe – ach könnte ich doch auch erst nach dem schönen Baden abfahren ! …
Der Chor aus dem Requiem gefällt mir sehr, ich denke, er muß wunderschön klingen -, namentlich gefällt er mir sehr bis zur figurierten Stelle, die ich da, wo sie sich weiter fortspinnt, nicht so gern habe doch, das ist eine Kleinigkeit! Ich hoffe, Du läßt das Requiem nicht verduften, wirst es auch nach so schönem Anfang nicht tun. Wohl sind mir die schönen deutschen Worte lieber als die lateinischen – Dank dafür auch.

Jetzt aber sage ich Dir, lieber Johannes, Lebewohl. Laß mich bald von Dir hören, und denke recht oft an Deine getreue Clara.

Clara an Brahms – Düsseldorf, den 30. Dezember 1866
Ich kann doch nicht abstehen, von meiner lieben alten Gewohnheit, Dir, mein lieber Johannes, einen Neujahrsgruß zu senden, darum habe ich auch meinen Dank bis heute verspart, habe ihn aber die Zeit über warm genug mit mir herumgetragen. Der Klavierauszug des Requiem hat mich innig erfreut, und habe ich schon wieder innigen Genuß dabei gehabt, möchte nur immer alle Stimmen zugleich singen können – übrigens ist Dein Arrangement wunderschön, spielt sich bequem und ist doch dabei so reichhaltig. Nimm den herzlichsten Händedruck dafür.

Sei mir aufs herzlichste gegrüßt vom alten ins neue Jahr hinein und denke zuweilen öfter an Deine Clara

Clara an Brahms – Düsseldorf, den 11. Januar 1867
So hast Du denn wirklich das letzte Wort aus Deutschland, liebster Johannes, denn heute abend geht´s wirklich fort! Ich kann nicht sagen, wie schwer es mir wird – wenn ich nur wieder nach meinem lieben Häuschen komme!
Für Deinen lieben Brief neulich hab´ Dank, er ist mir noch ein liebes Geleite in die Fremde.
Zu erzählen gibt es hier wenig, aber sagen muß ich Dir noch, daß ich ganz und gar erfüllt bin von Deinem Requiem, es ist ein ganz gewaltiges Stück, ergreift den ganzen Menschen in einer Weise wie wenig anderes. Der tiefe Ernst, vereint mit allem Zauber der Poesie, wirkt wunderbar, erschütternd und besänftigend. Ich kann´s, wie Du weißt, nie so recht in Worte fassen, aber ich empfinde den ganzen reichen Schatz dieses Werkes bis ins Innerste, und die Begeisterung, die aus jedem Stücke spricht, rührt mich tief, daher ich mich auch nicht enthalten kann, es auszusprechen. – Mit Bruch und Rudorff habe ich es neulich auch durchgegangen, gleich zweimal, und es ging ihnen wie mir, sie waren auch ganz ergriffen. Eines war mir schon mehrmals aufgefallen, und die Herren fanden es auch, nämlich, daß der 5. Satz gegen den Schluß hin etwas sehr gedehnt ist, die schöne Steigerung wiederholt sich zweimal, und wirkt das zweitemal nicht mehr als solche. – Ich hoffe, Du setzt die Aufführung des Werkes durch – sehr schwer ist ja eigentlich nur die große Orgelpunkt-Fuge. Ach, könnte ich es hören, was gäb ich wohl darum!
Übrigens muß ich Dir noch sagen, daß ich den Klavierauszug vortrefflich finde, und nur Dir kann ein solcher mangelhaft erscheinen, weil Du eben alles im Sinn hast.

Hiller konnte ich Dein Requiem nicht zeigen, weil er nicht hier war, und ich ihn nur einmal einige Stunden sah, eh ich es erhalten hatte.

Möchtest Du meiner recht oft in der nächsten schweren Zeit gedenken und mich mit Briefen erfreuen.
Leb froh, lieber Johannes und sei gegrüßt von Herzen von Deiner
Clara

Clara an Brahms – London, den 26. Februar 1867.
17 Half Moon Street. Piccadilly


Sehr unangenehm überrascht war ich, von Dir zu hören, daß Du alle ernsten Schritte zur Aufführung Deines Requiem aufgegeben? Ich glaubte Dich in vollem Zuge. Was soll denn bei Deiner Aufführung in Zürich herauskommen? Du sagtest ja immer, es liege Dir gerade an einer Aufführung in Wien oder Berlin. – Da muß ich Dir doch erzählen, oder ausrichten von Joachim, daß ein großer Musikenthusiast, ein Engländer, den er in Frankreich traf und von Deinem Requiem erzählte, ihn frug, ob Du es wohl annehmen würdest, wenn er zur Bestreitung der Kosten einer Aufführung 1000 Franken beisteuere? Ich finde darin durchaus nichts Verletzendes! Künstler und gar Komponisten sind nun einmal in Deutschland nie so gestellt, daß sie solche Aufführungen aus eignen Mitteln bestreiten könnten! Was sagst Du dazu?

Gehe es Dir recht gut, liebster Johannes, und mögest Du liebend gedenken Deiner Clara.

Clara an Brahms – Düsseldorf, den 26. April 1867.

Du hast doch wohl das Engagement in Zürich zum Musikfest angenommen? Könntest Du da nicht das Requiem aufführen? Daß Du es in Wien nicht herausgebracht, ist mir doch ungeheuer leid. Nächsten Herbst muß es aber wirklich Dein Erstes sein.
Ich früge gern noch einiges nach neuen Werken, doch ich denke, ich erfahre mehr, wenn ich nicht frage!? …
Ich hoffe, es kommt Dir bald eine Mußestunde und mit dieser der Gedanke an mich, und mir dann ein lieber Brief!

Clara an Brahms – Baden-Baden, den 3. Oktober 1867

Auf Dein letztes Schreiben antworte ich heute nicht, mag es überhaupt nicht, aber das eine muß ich Dir doch sagen, daß ich nie einen Brief von Dir mit anderem als gütigem Herzen las, also auch nie anderes als Freundliches herauslesen mochte, aber zuweilen ist es sehr schwer, fast unmöglich. Doch ich will nichts weiter sagen, also zu anderem.
Das Requiem habe ich heute abgeschickt – ich hoffe, es ist nicht zu fehlerhaft kopiert. Ich bin jetzt so enorm mit Reisevorbereitungen beschäftigt, daß ich´s nicht genau durchsehen konnte.
Daß Du es ganz wiederhaben wolltest, hatte ich gar nicht gedacht, wollte es aber auch nicht gern wieder herleihen, da es mir so lieb ist – es ist also so für Dich wie für mich besser…

Clara an Brahms – Frankfurt, den 22. Dezember 1867

Nun zum Dank für Deinen letzten lieben Brief, der nun zwar allerdings, wie Du selbst sagst, nicht ganz leicht zu verstehen war, den ich aber schließlich doch verstanden.
Über das Requiem [es war in Wien ausgezischt worden] habe ich glücklicherweise doch noch anderes gehört, als Du mir schriebst, und namentlich freute mich sehr, was Joachim seiner Frau darüber schrieb. Ach könnte ich es doch ´mal hören, das wäre ´mal wieder ein Fest…

Clara an Brahms – Brüssel, den 14. Januar 1868, 13 rue de la Charité

Ich könnte noch mancherlei sagen, aber ich habe schob so viel geschwatzt, und bin noch nicht ´mal zu dem gekommen, woran ich seit Deinem Briefe so viel gedacht, nämlich Dir zu sagen, wie sehr ich der Hoffnung lebe, am 10. April [erste Aufführung des Requiem in Bremen am Karfreitag] unter Deinen Zuhörern sein zu können. Ich habe mir, wie immer in England, die bestimmte Zeit bis zur Osterwoche gesetzt, und hoffe auch diesmal, es durchzusetzen. Mir schlägt ordentlich das Herz höher auf, wenn ich daran denke, Dein Requiem so bald zu hören, wenn nur sonst mit nichts dazwischen kommt! Etwa eine Familienangelegenheit! Nun, einstweilen will ich hoffen! …
Laß bitte bald von Dir hören.
Deine alte Clara.

Brahms an Clara – Hamburg, den 2. Februar 1868
Dein Brüsseler Brief reiste grade nach Wien, als ich hierher fuhr, so habe ich ihn etwas lange entbehren müssen.
Könntest Du am Karfreitag zuhören, das wäre mir eine unglaubliche und große Freude. Das wäre mir die halbe Aufführung! Geht es dann gar etwas nach Wunsch, so solltest Du Dich wohl wundern und freuen. Aber leider bin ich nicht der Mensch, der mehr erlangt, als die Leute ihm gutmütig von selbst geben, und das ist immer sehr wenig.
So mache ich mich denn auch gefaßt, daß es diesmal wie in Wien eilig, zu eilig und flüchtig hergeht; aber komm nur!!

So laß denn recht bald hören und laß mir die Hoffnung, Du hörst am 10. April zu. Es ist ja auch nicht bloß ums Hören, das Sehen ist mir ebenso wichtig.
In aller Liebe Dein Johannes.

Clara an Brahms – Karlsbad, den 5. Mai 1868. – Im Königstein
Lieber Johannes,
Dein Geburtstag rückt heran, an dem ich nie gefehlt – auch diesmal möchte ich es nicht, denn meine Wünsche für Dein Wohl bleiben ja immer dieselben. Der Schluß des alten Jahres brachte Dir eine so schöne Genugtuung in der allgemeinen Anerkennung Deines Requiem, recht zur großen Freude aller Deiner Freunde – möchten Dir solcher Tage viele beschieden sein!
Ich hoffe, daß die 2. Aufführung Deinen Wünschen entsprochen – die Orgel wirst Du wohl zuweilen ungern vermißt haben, aber sonst war gewiß wieder alles gelungen! Ich denke mir Dich jetzt in der Vorbereitung des Werkes zum Drucke.

Nun lebe vergnügt, und schaffe frisch drauflos den Musikanten zur Freude!
Deine Clara.

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