Das erste Probenwochenende

„Ich hab heute Nachmittag mein Auto geschrottet. Von Konstanz schaffe ich es heute Abend nicht mehr zu euch.“

Diese Sätze läuteten den Beginn des Probenwochenendes ein und ließen nichts Gutes verheißen. Zum Glück hatte unsere Dirigentin Lisa nur einen Blech- und keinen Dachschaden erlitten und hatte für den Freitagabend gleich zweifachen Ersatz organisiert, um mit uns am Brahms-Reqiuem zu arbeiten. Uli probte Männern und Moritz feilte mit den Frauen an der Interpretation des 1. und 6. Satzes. Und so wurde am Schluss beim Gesamtdurchlauf der beiden Sätze doch noch ein „happy end“ draus, bei dem relativ deutlich zu hören war, wo wir mit dem Proben aufgehört hatten…

Am Samstag kehrte dann wieder der Probenalltag ein und Lisa konnte das Einsingen einmal mehr mit ihren anatomischen Spezialkenntnissen sämtlicher in der Kehle vorhandener muskulärer Aufbauten aufwerten. Das allgemeine Gehuste und Geräuspere war jedoch noch so groß, dass der Vorschlag zum Durchführen einer „Schleim-Studie“ aufkam – vielleicht könnte man ja einige Hustenbonbonhersteller als Sponsoren dafür gewinnen (seriöse Angebote bitte an uns). Jedenfalls stand dann der Rest des Tages zum besseren Stimme-Schmieren unter dem Motto: „Trinkt, so viel ihr könnt!“

Bis zur ersten Pause probten wir wie „Pu der Bär mit Honigmaul“ den 1. Satz und lernten die Vorzüge des „Konsonantenklebers“ kennen – denn dann klappt’s auch mit dem Legato.

Unbarmherzig peitschte draußen der Regen vom Himmel, und unbarmherzig trieb uns Lisa ohne Verschnaufpause durch die Sätze 3-6. Nach getaner Arbeit erinnerte sie uns daran, dass noch der Schluss und vor allem der lange Anfang fehlten, die das Brahms-Requiem insgesamt zu einem sehr anstrengenden Chorstück machen. Trotzdem sollten wir singen wie „ein Mercedes auf einer vierspurigen Strecke“, auch wenn wir nur ein Fiat Punto sind und uns das Orchester an manchen Stellen sowieso in Grund und Boden spielt.

Nach der langen „Fahrt“ hatten wir uns eine Auftankpause redlich verdient. Die Kochgruppe hatte bereits in den frühen Morgenstunden mit Gemüseschnippeln begonnen und setzte uns im größten Topf der Welt Nudeln mit Soße sowie Salat vor – mit eventuell enthaltenen Spuren von gluten-, laktose- und nussfreiem Essen. Der hinterher servierte Apple-Crumble führte bei einigen zu ersten Anzeichen eines Fresskomas. Um unnötige Komplikationen zu vermeiden, probten wir schnell weiter und verbrauchten die ganzen angefutterten Kalorien sofort wieder fürs angestrengte Auszählen der übergebundenen Ganzen und Halben, Vierteln und Triolen in der Mitte des 3. Satzes („Ich hoffe auf dich“) und für die anschließende Fuge „Der Gerechten Seelen“. Doch ausgefugt hatte es sich damit noch nicht, erst nach unserem Lieblings-Ohrwurm „Herr, du bist würdig“ (mit viel Krrraffft am Ende) wurden wir in die kurze Kuchenpause entlassen. Für die abendliche Gottesdienstgestaltung in St. Urban übten wir noch „Sanctus“ von Sandström, „In stiller Nacht“ von Brahms und den Kanon „Dona nobis pacem“ ein – letzteren in Ermangelung der richtigen Noten anstatt eines Kyries. Aber bei immerhin sieben Schubert-Messen kann man sich auch mal bei den Noten vertun. 😉 Der Gottesdienst hatte passenderweise die Weitergabe der von uns vorher oft besungenen Kraft zum Thema und so gingen wir gestärkt in den Samstagabend.

Am Sonntag hatten wir leider nicht mehr allzu viel Probenzeit (außerdem musste die am Vortag etwas kurz geratene Kuchenpause ausgiebig zelebriert werden), sodass wir uns noch dem letzten Satz mit seinen vielfältigen Tonarten und dem geheimnisvollen Geist widmeten. Nach gemeinsamem Turbo-Aufräumen konnten wir dann mit dem Gefühl, viel geschafft und gelernt zu haben, den sonnigen Restsonntag genießen.

Beitrag von Martha Falk

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